Mit kognitiven Interviews Wahrnehmungsmuster erfassen

Werkstattbericht: Die Repertory-Grid-Methodik

Ergänzend zu den 40 qualitativen Interviews haben wir mit einer speziellen Methode genauer nachgefragt. Dabei sollte es vor allem um die Erforschung der für die befragten Personen denkbaren potenziellen Möglichkeitsräume, ihrer eigenen Wahrnehmungen von mobilitätsbezogener sozialer Exklusion sowie ihrer Reflexion über diesbezügliche Routinen gehen. Ein weiterer wesentlicher Baustein war die Bewertung konkreter Maßnahmen, die den Mobilitätsalltag erleichtern könnten.

Für die Erhebung wurde eine spezielle Technik von kognitiven Interviews (Repertory Grid) eingesetzt, die ihren Ursprung in dem Ansatz der „Personal Construct Theory“ hat. Dieser Ansatz wurde aus der Psychotherapie von Kelly 19551 entwickelt. Dabei sollen subjektive Wahrnehmungsmuster und persönliche Konstrukte erfasst werden, die den Menschen oft selbst nicht bewusst sind.

Welche Themen werden angesprochen?

Bei der Repertory-Grid-Methodik werden verschiedene Gegenstandsbereiche, sogenannte Elementtypen, festgelegt. Diese beinhalten jeweils mehrere Elemente. Basierend auf den Ergebnissen unserer vorangegangenen Interviews entschieden wir uns für vier Elementtypen:

  1. Verkehrsmittel: Verschiedene Verkehrsmittel standen zur Auswahl, wie z. B. Fahrrad, Bus, Auto, zu Fuß gehen usw.
  2. Maßnahmen: Maßnahmen aus unterschiedlichen Bereichen wurden vorgestellt, z. B. die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs oder die Möglichkeit Leihräder im Stadtviertel auszuleihen.
  3. Praktiken: Hier wurden mehrere Strategien vorgestellt, wie z. B. Einzeltickets statt Monatskarte zu kaufen oder Mobilitätsangebote suchen (Sparpreise, Freifahrten usw.)
  4. Möglichkeitsräume: Aussagen zu verschiedenen Vorstellungen von Mobilität und deren Zweck wurden in diesem Bereich genannt, z. B. Weiterbilden, Jobsuche oder aktiv sein.

Was unterscheidet ein Element von den anderen?

Bei dieser besonderen Interviewform der Repertory Grid ist es vorgesehen, dass die Interviewpartner*innen jeweils zwei Elemente von einem Dritten unterscheiden. Ziel ist es, persönliche Konstrukte herauszufinden, welche die Unterscheidung eines Elements näher erläutern (z. B. utopisch vs. realistisch, was macht ein Element realistischer?, wovon ist dies abhängig?).

Wir nutzten hierfür selbst gestaltete Spielkarten. Vor Beginn des Interviews erläuterten wir der interviewten Person das Vorgehen im Interview. Die Karten des ersten Elementtyps wurden zu Anfang gemischt und nach dem Zufallsprinzip vorgelegt.

Darstellung der Spielkarten des Elementtyps ‚Verkehrsmittel‘

Jeder Durchgang starteten wir mit der Frage zum wahrgenommenen Unterschied der vorgestellten Karten. Zumeist begannen die Proband*innen direkt zu erzählen und benannten Gegensatzpaare. So löste die Vorlage von zwei Bildern von Verkehrsmitteln des öffentlichen Nahverkehrs und dem Bild eines Taxis bei einer befragten Person folgende Antwort aus:

„Das ist „Öffentliche Verkehrsmittel bezahlbar“. Ich komme von A nach B für den kleinen, schmalen Geldbeutel, bin flexibel und … teuer. Teuer, ich stehe im Stau, ich muss warten, bis er kommt irgendwie, das Taxi. Und ich sitze mit einer fremden Person – mit einer fremden Person – im Taxi und … Gefällt mir nicht. Taxi ist sowieso nicht meins. Hier hab ich mit mehreren … Ich kann jederzeit aussteigen, wenn mir das zu viel wird irgendwie oder wenn ich irgendwo gucken möchte. Ich bin flexibler hiermit als hiermit. Und günstiger komme ich damit weg. Ja.“ [HH3]

Begriffspaare in Tabelle notieren

Schon in dieser ersten Interviewsequenz wurden unterscheidbare Begriffe formuliert, die wir im weiteren Verlauf des Interviews durch detailliertes Nachfragen herausarbeiteten und letztendlich in eine vorbereitete Tabelle übertrugen. Ziel war es, möglichst alle für die befragten Personen relevanten Unterscheidungsaspekte zu erfahren und Begriffspaare aufzunehmen, die sich z. B. von offensichtlichen Konstrukten wie bezahlbar versus teuer, flexibel versus unflexibel, verfügbar versus nicht verfügbar etc. unterscheiden. Durch detailliertes Nachfragen suchten wir nach Begriffspaaren, die sehr eng an Emotionen und Wahrnehmungen der befragten Personen gebunden sind und die sehr bildhaft angenehme oder unangenehme Gefühle bzw. Bewertungen präsentieren.

Bezogen auf den Wunsch nach interpersoneller Distanz wurden so z. B. im Verlauf des hier vorgestellten Interviews die Begriffspaare „ist mir zu intim“ versus „anonym“ oder „ich fühle mich geschützt“ versus „ich fühle mich nicht geschützt“ benannt. Der Begriffsbildung gingen erklärende Erzählsequenzen voraus, die für die spätere qualitative Analyse von Bedeutung waren:

„Ich weiß nicht, wie ich das jetzt beschreiben soll. Hier in der Bahn kann ich machen und tun, was ich will. Ich kann essen, ich kann telefonieren, ich kann Musik hören, ich kann spielen. Hier im Taxi sitze ich hinten und hab das Gefühl, es ist so … Hier erwartet keiner von mir ein Gespräch oder eine Aktion oder eine Interaktion. Hier manchmal hat man einen Taxifahrer erlebt, der dann redselig ist irgendwie oder eine ganz komische Aura hat irgendwie, so unangenehm ist. Das ist eine ganz komische Stille, dass man denkt: Oh, hoffentlich darf ich gleich wieder aussteigen. Ich weiß nicht, wie ich das nennen soll. Das ist mir zu intim.“ [HH3]

Für den Abschluss eines Elementtyps sollte die interviewte Person jede Karte mindestens einmal gesehen haben. Im Verlauf der Interviewsequenz haben wir deshalb die noch nicht gezeigten Karten bewusst ausgesucht und in weiteren Kombinationen vorgelegt. Die Befragung zu einem Elementtyp beendeten wir, wenn keine neuen Begriffspaare mehr benannt werden konnten.  Alle Begriffspaare, die den subjektiven Wahrnehmungen entsprachen, übertrugen wir in die vorbereitete Tabelle.

Strategisches Vorgehen

Folgende Strategien der Konstruktgewinnung wurden hierbei angewandt:

  • Begriffe, die benutzt wurden, sollten noch einmal erläutert werden,
  • Konkrete Beispiele und Situationen sollten geschildert werden,
  • Äußerungen wurden paraphrasiert und es wurde nachgefragt, ob dies so richtig wiedergegeben wurde,
  • Kontrollfragen mit Beispielen/Gegenbeispielen wurden gestellt.

Die vorgelegten Spielkarten erklärten wir beim ersten Zeigen kurz. Dies war vor allem bei der Vorstellung des Elementtyps Maßnahmen notwendig, um die vorgestellte bildliche Intervention zu erklären.

Bewerten und Zahlenwerte zuordnen

Nachdem wir die Befragung zu einem Elementtyp beendet hatten, wurde gemeinsam ein Rating in der vorbereiteten Tabelle vorgenommen. Wir forderten die interviewten Personen dazu auf, den Konstrukten Zahlenwerte zuzuordnen.

Darstellung einer Matrixtabelle mit verschiedenen Begriffspaaren und Ratings

Ergebnis der Repertory-Grid-Interviews

Das Ergebnis der Repertory-Grid-Interviews waren Matrixtabellen für die verschiedenen Themenbereiche, die mit Begriffspaaren gefüllt waren, die die Proband*innen selbst konstruiert und bewertet hatten. Anhand dieser Tabellen und den dazugehörigen Erzählsequenzen haben wir die Ergebnisse analysiert. Wie wir dabei vorgegangen sind, berichten wir in einem weiteren Werkstattbericht.

  1. Kelly, George A. (1955): The psychology of personal constructs. New York: Norton