• Eine ältere Frau mit Einkaufstrolley und Kopftuch geht an modernen Mieträdern vorbei

Ridepooling in Hamburg:
Ein Fortschritt auch für Arme?

Die Mobilität in Hamburg wird vielfältiger: Seit Hamburg den Zuschlag erhalten hat, im Oktober 2021 den ITS-Weltkongress für Intelligente Verkehrssysteme auszurichten (ITS = Intelligent Transport Systems), stehen die Zeichen auf Digitalisierung. Über 40 technologische Innovationen1 werden ausprobiert. Damit möchte die Verkehrsbehörde Hamburgs Verkehr sicherer, effizienter und umweltfreundlicher machen2.

Mobility as a Service: Der Abschied vom eigenen Auto

Eines der zentralen Bestandteile der ITS-Strategie ist Mobility as a Service („Mobilität als Dienstleitung“). Mobility as a Service bedeutet, dass die individuelle Mobilität unabhängig vom eigenen Fahrzeug abgewickelt werden kann. Wer sich in der Stadt bewegt, so die Vorstellung, braucht kein eigenes Auto mehr, sondern kann auf zahlreiche Miet- und Teilangebote zurückgreifen. Diese sind untereinander vernetzt, beliebig kombinierbar und werden gemeinsam abgerechnet.
In der Stadt, die 1965 den ersten Verkehrsverbund der Welt gründete, ist das prinzipiell keine wesentliche Neuerung. Vielmehr handelt es sich um eine Ausweitung des Gedanken, der dem HVV zugrunde liegt: Als Fahrgast kann ich aus einer breiten Auswahl an Verkehrsmitteln wählen – vom Roller bis zum Regionalzug – und alles über einen Dienst buchen.

Hamburg testet Ridepooling für den ITS

Eine der Innovationen, die für den ITS in Hamburg ausprobiert werden, ist der Fahrdienst mit Ridepooling („Fahrtenbündelung“). Mittels einer App gebe ich als Fahrgast meinen Start- und Zielort innerhalb eines abgegrenzten Bedienungsgebiets vor und rufe mir damit ein Auto. Als Fahrgast ist das Erlebnis fast genau wie im Taxi, mit einem Unterschied: Der Wagen hält zwischendurch, um andere Fahrgäste einzusammeln oder abzusetzen. Er fährt also nicht den kürzesten Weg, sondern eine optimierte Strecke, die den Kompromiss aller Fahrtwünsche darstellt. Dafür ist die Fahrt in der Regel günstiger als im Taxi, aber teurer als im Bus oder in der Bahn.

Video: “Meine Stadt. Mein Anschluss. ioki Hamburg – ioki und VHH” | YouTube, 0:55 Minuten

Wer wird vom Ridepooling in Hamburg erschlossen? Wer nicht?

Die größten Ridepooling-Angebote in Hamburg sind MOIA, Ioki und CleverShuttle. Die von ihnen erschlossene Fläche entspricht etwa 25 Prozent des Hamburger Stadtgebiets bzw. 45 Prozent der Hamburger Siedlungsfläche.

Die Karte der Bedienungsgebiete zeigt, dass die drei Anbieter nördlich der Elbe fahren. Damit erschließen sie den Großteil der Hamburger Bevölkerung – lassen aber die Menschen außen vor, die auf den Elbinseln und südlich davon leben. Auch MOIAs Ausbaupläne für September beschränken sich auf das nördlich der Elbe liegende Stadtgebiet3.

Ins Auge fällt Ioki im Hamburger Westen. Das Angebot der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein und der Deutschen Bahn hat mit Abstand das kleinste Bedienungsgebiet, das am Stadtrand liegt. Ioki wirbt im Video offensiv mit der Anbindung der Menschen in Lurup und Osdorf, die „ziemlich weit weg“ leben. Und tatsächlich entfaltet Ioki dort eine Erschließungswirkung: es bedient eine räumliche Lücke, die der Schienenverkehr lässt. Es bedienen zwar unter anderem die HVV-Metrobusse 1, 3, 21 und 22 das Gebiet. Nichtsdestotrotz dürfte Ioki als zusätzlicher Zubringer zu den S-Bahn-Haltestellen Klein Flottbek (S1/S11) und Elbgaustraße (S3/S21) einen wichtigen Qualitätsgewinn für über 60.000 Einwohner_innen bieten. Etwa 12.000 von ihnen leben in der Großwohnsiedlung Osdorfer Born, die eines der drei Hamburger Fallgebiete von MobileInclusion ist.

Ridepooling-Diensterschlossene Fläche,
in km2
erschlossene Siedlungsfläche,
in %
erschlossene Einwohner_innen,
absolut
erschlossene Einwohner_innen,
in %
Ioki14465.3493,7
CleverShuttle11623737.26541,4
MOIA191431.000.77656,2
kombiniert200451.045.30958,7
Bezugsdatum der Daten2019201809.05.201109.05.2011
QuelleRidepooling-AnbieterBSWZensusZensus
Tabelle 1: Ausgewählte Kennwerte der drei Ridepooling-Angebote. Ergänzende Hinweise zu den Datengrundlagen in der Fußnote4

Nutzen des Ridepoolings in Hamburg für Fahrgäste, die in Armut leben…

Auch und gerade für Menschen mit wenig Einkommen hat Ioki bis vor kurzem ein interessantes Zusatzangebot dargestellt: Die Nutzung war für HVV-Fahrgäste kostenfrei, bevor Anfang April eine Service-Gebühr von einem Euro pro Fahrt eingeführt wurde. Im Vergleich zu anderen Ridepooling-Diensten war Ioki damit insbesondere für Fahrgäste mit Abo ein ‚kostenloser‘ Komfortgewinn – was sicherlich auch die Auslastung erklärt, die im bundesweiten Vergleich heraussticht5. Wie die VHH mitteilen, litt das Angebot allerdings unter einer hohen Anzahl an unnötigen Buchungen durch Fahrgäste, die nicht zu ihrer kostenlosen Fahrt erschienen6.

Aus betrieblicher Sicht stellt sich darüber hinaus die Frage, inwieweit die Konzentration von Armut sich auf das Fahrgastpotenzial und auf den Erlös auswirkt. Im Vergleich mit den anderen beiden Diensten findet Ioki in seinem Bedienungsgebiet mit 12% eine deutlich höhere „Hartz-IV“-Quote vor (siehe Tabelle 2). Dafür profitiert das Angebot ggf. von der vergleichsweise hohen Wohndichte bei kleinem Bedienungsgebiet, die das Bündelungs-Potenzial der Fahrten erhöhen dürfte.

MOIA und CleverShuttle bewegen sich preislich derweil zwischen dem HVV-Tarif und einer Taxifahrt. Für Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, stellen sie aller Wahrscheinlichkeit nach keine Alternative zum HVV dar.

Ridepooling-Dienst% Einwohner_innen
mit “Hartz IV”
% Einwohner_innen
älter als 64
Ioki12,021,1
MOIA6,918,8
CleverShuttle7,418,4
kombiniert7,218,9
Hamburg9,719,1
Bezugsdatum der Daten31.12.201609.05.2011
QuelleStatistikamt NordZensus
Tabelle 2: Ausgewählte Sozial-Kennwerte der drei Ridepooling-Angebote.

… und für ältere Menschen

Auf einen interessanten Aspekt des Ridepoolings hat uns eine Frau im Osdorfer Born hingewiesen, mit der wir ein Interview für MobileInclusion geführt haben:

“[Ioki] wird missbraucht von den Jugendlichen. […] [Es gibt] Leute, die schon im Wochentakt vorbuchen, vorbestellen. Und das ist unfair. […]  Wo ich denke: Mensch, das ist für ältere Leute gedacht. […] Wenn ich dann den Abend vorher schon versuche, für den nächsten Tag zu buchen, […] dann steht da: Für Ihre Tour ist kein Fahrzeug möglich.”7

Bewohnerin des Osdorfer Borns, 42 Jahre alt
Photo: Dani Alvarez via Flickr, “Paragem de autocarro”, cropped | CC-BY-NC-ND 2.0

Anders als die Frau es wahrnimmt, richtet Ioki sich nicht speziell an ältere Menschen, auch wenn die Barrierefreiheit im oben gezeigten Werbe-Video explizit herausgestellt wird. Nichtsdestotrotz spricht die Frau eine Ungleichheit an, die sich im Zugang zu Ridepooling-Diensten zeigt: Zugang und Abrechnung erfolgen, ganz im Sinne von Mobility as a Service, über die Ioki-App8.

„Die Jugendlichen“, wie die Interviewpartnerin sie etwas pauschalisierend darstellt, besitzen erwartungsweise eine größere Erfahrung im Umgang mit Smartphone-Apps. Nicht nur ist der technische Zugang für sie selbstverständlich – auch das Ergebnis, das sie durch die Nutzung der Technologie erzielen, ist verglichen mit den älteren Menschen tendenziell besser9. Obwohl die Älteren in den letzten Jahren deutlich aufgeholt haben, was den Zugang zu und Nutzung von Online-Angeboten betrifft10, bleiben sie eine Gruppe, die in der Entwicklung der neuen Verkehrsangebote nicht vergessen werden darf.

Fazit: Ein Experiment, das – unter Voraussetzungen –
auch armen Menschen nützen kann

Mit der Ausrichtung des ITS-Weltkongress ergreift Hamburg die Chance, Mobility as a Service unter Realbedingungen auszuprobieren. Ridepooling-Dienste wie MOIA, CleverShuttle und Ioki gehören zur Innovation, die jetzt schon auf Hamburgs Straßen sichtbar ist, wenngleich der Süden auf absehbare Zeit nicht bedient zu werden scheint. Das Ridepooling bietet die Chance, sich mit einem Verkehrsmittel durch das Hamburger Zentrum zu bewegen, das preislich zwischen HVV-Tarif und Taxi liegt und dafür einen deutlichen Komfortgewinn bietet. In ihrer Kommunikation und Funktionsweise sprechen die Anbieter zunächst junge, technikaffine Fahrgäste an.

Für einkommensarme Menschen ist das Ridepooling-Angebot nur dann alltagstauglich, wenn es – wie Ioki bis vor kurzem – ohne Zusatzkosten nutzbar ist. Sollten die Ridepooling-Dienste nach dem ITS-Weltkongress verstetigt und als vollwertiger Teil des öffentlich bezuschussten HVV-Angebots geführt werden, dann muss sichergestellt sein, dass auch die finanziell Schwachen von der neuen Mobilität profitieren.

  1. BWVI/hamburg.de: ITS-Projekte in Hamburg
  2. BWVI/hamburg.de: ITS – Was ist das?
  3. MOIA: Servicegebiet (HH) ab 15.04.19
  4. Spalte Bedienungsgebiet in km2: Die Bedienungsgebiete haben wir auf Grundlage der PR-Materialien der Anbieter georeferenziert. MOIAs Ausbaupläne und Iokis Angebot in Billbrook, beide für September angekündigt, sind nicht berücksichtigt.
    Spalte % der besiedelten Fläche: Gezählt wird jeweils die besiedelte Fläche innerhalb des Einzugsgebiets. Dazu haben wir die zu Wohnzwecken genutzen Flächen gemäß Flächennutzungsplan betrachtet: Die Wohnbauflächen, Wohnbauflächen mit parkartigem Charakter, Dorfgebiete sowie Bauflächen mit Dorf- oder Wohngebietscharakter belaufen sich in Summe auf 220.71 km2 bzw. 29.2% der Gesamtfläche der Stadt Hamburg.
  5. Christian Mehlert, 10.04.2019: Vortrag „Transport-on-Demand: Alles Uber, oder was?“ auf der DVWG-Veranstaltung „MOIA & CO: Konsequenzen von On-Demand-Shuttle-Angeboten für ÖV- und Taximarkt“ in Hamburg
  6. VHH (21.03.2019): VHH und ioki bauen Angebot in Hamburg weiter aus
  7. Passage aus einem der Interviews für MobileInclusion, Februar 2019 / ZI:24:122, Interview geführt durch Stephan Daubitz
  8. Bei den Wochen- und Monatskarten von Ioki ist allerdings die Bezahlung per Banküberweisung möglich, die es auch Menschen ohne Smartphone ermöglicht, Ioki zu nutzen. VHH (April 2019): Ein neues On-Demand-Angebot als Teil des Nahverkehrs in Hamburg
  9. vgl. Van Deursen, A. J. A. M., & Helsper, E. J. (2015). The Third-Level Digital Divide: Who Benefits Most from Being Online? In L. Robinson, S. R. Cotten, J. Schulz, T. Hale, & A. Williams (Eds.), Studies in Media and Communications: v.10. Communication and Information Technologies Annual: Digital Distinctions and Inequalities (pp. 29–52). Bradford: Emerald Group Publishing Limited. https://doi.org/10.1108/S2050-206020150000010002
  10. Kuhnimhof, Tobias (31.03.2019). Digitalisierung der Lebenswelt – welche Veränderungen der ÖPNV-Nachfrage sind zu erwarten? Vortrag auf der difu-Tagung “ÖPNV und Digitalisierung”. Berlin.

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